Der hartnäckigste Mythos über Wärmepumpen: Sie funktionieren nur mit Fußbodenheizung. Das stimmt nicht. Die meisten Altbauten lassen sich mit Wärmepumpe beheizen, auch mit normalen Heizkörpern. Die Frage ist nicht ob, sondern wie effizient. Und die Antwort hängt von der Vorlauftemperatur ab.
Warum Fußbodenheizung ideal ist, aber nicht nötig
Fußbodenheizung hat eine riesige Fläche, über die sie Wärme abgibt. Deshalb reichen niedrige Vorlauftemperaturen von 30 bis 35 Grad. Je niedriger die Vorlauftemperatur, desto effizienter arbeitet die Wärmepumpe. Jedes Grad weniger Vorlauf verbessert die Jahresarbeitszahl um etwa 2,5 Prozent.
Heizkörper haben weniger Fläche. Um die gleiche Wärme abzugeben, brauchen sie höhere Vorlauftemperaturen. Ein typischer Altbau-Heizkörper wurde für 70 bis 75 Grad Vorlauf ausgelegt, weil die alte Gasheizung das problemlos liefern konnte. Eine Wärmepumpe kann zwar auch 65 oder 70 Grad liefern (Hochtemperatur-WP), aber die Effizienz sinkt erheblich.
Der Trick ist: Man muss nicht bei 70 Grad Vorlauf bleiben.
Warum die meisten Altbauten niedrigere Vorlauftemperaturen schaffen
Die Heizkörper in den meisten Altbauten sind überdimensioniert. Das liegt daran, dass die Heizungsbauer früher großzügig geplant haben. Ein Heizkörper, der für eine Raumheizlast von 1.500 Watt bei 70 Grad Vorlauf ausgelegt wurde, gibt bei 50 Grad Vorlauf immer noch rund 900 Watt ab. Wenn der Raum durch eine nachträgliche Fenstererneuerung oder Dachdämmung nur noch 800 Watt braucht, reicht der Heizkörper bei 50 Grad locker.
Dazu kommt: Viele Altbauten wurden seit dem Einbau der Heizung zumindest teilweise saniert. Neue Fenster, Dachdämmung, gedämmte Kellerdecke. All das senkt die Heizlast, und damit sinkt auch die nötige Vorlauftemperatur.
Die raumweise Heizlastberechnung zeigt genau, welche Vorlauftemperatur jeder Raum bei welchem Heizkörper braucht. In vielen Altbauten stellt sich heraus, dass 50 bis 55 Grad reichen, manchmal sogar 45 Grad. Das ist kein Wärmepumpen-Wunderland, aber effizient genug für eine Jahresarbeitszahl von 3,0 bis 3,5.
Was man tun kann, wenn einzelne Heizkörper nicht reichen
Meistens sind nicht alle Heizkörper das Problem, sondern nur ein oder zwei. Typisch: das Badezimmer (hohe Wunschtemperatur, kleiner Heizkörper) und das Wohnzimmer (großer Raum, viel Fensterfläche). Die Lösung ist nicht, eine Fußbodenheizung im ganzen Haus nachzurüsten, sondern gezielt die kritischen Heizkörper zu tauschen.
Ein größerer Heizkörper (zum Beispiel ein Typ 33 statt Typ 22) gibt bei gleicher Vorlauftemperatur deutlich mehr Wärme ab. Kosten pro Heizkörper: 300 bis 800 Euro inklusive Einbau. Wer drei Heizkörper tauscht, gibt 900 bis 2.400 Euro aus und kann dafür die Vorlauftemperatur um 5 bis 10 Grad senken. Das rechnet sich über die Stromersparnis in wenigen Jahren.
Alternativ: Niedertemperatur-Heizkörper mit Lüfter (zum Beispiel von Jaga oder Purmo). Diese Konvektoren haben einen kleinen Ventilator, der die Luftzirkulation verbessert und dadurch mehr Wärme bei niedrigerer Vorlauftemperatur abgibt. Kosten: 500 bis 1.200 Euro pro Stück.
Fußbodenheizung nachrüsten ist auch möglich, aber teuer (50 bis 100 Euro pro Quadratmeter, dazu Estrich und neuer Bodenbelag) und im bewohnten Haus sehr aufwendig. Es gibt Dünnbett-Systeme mit nur 15 bis 20 mm Aufbauhöhe (zum Beispiel von Uponor oder Rehau), die ohne neuen Estrich auskommen. Aber auch die kosten 70 bis 120 Euro pro Quadratmeter und lohnen sich meistens nur in einzelnen Räumen wie dem Badezimmer.
Welche Vorlauftemperatur realistisch ist
Altbau, komplett unsaniert, originale Heizkörper: 55 bis 65 Grad. Wärmepumpe funktioniert, aber die JAZ liegt bei 2,5 bis 3,0. Ob sich das wirtschaftlich rechnet, hängt vom Gaspreis ab. Mit Wärmepumpentarif und steigenden CO2-Preisen meistens ja, aber der Vorteil gegenüber Gas ist klein.
Altbau, teilsaniert (neue Fenster, Dach gedämmt), originale Heizkörper: 45 bis 55 Grad. JAZ 3,0 bis 3,5. Das ist der häufigste Fall und wirtschaftlich klar besser als Gas.
Altbau, teilsaniert, einzelne Heizkörper getauscht: 40 bis 50 Grad. JAZ 3,2 bis 3,8. Ab hier wird es richtig effizient.
Altbau, gut saniert (Wände, Fenster, Dach, Kellerdecke): 35 bis 45 Grad. JAZ 3,5 bis 4,5. Kaum Unterschied zu einem Neubau mit Fußbodenheizung.
Hochtemperatur-Wärmepumpen als Alternative
Wenn die Vorlauftemperatur nicht unter 55 Grad gesenkt werden kann, gibt es Hochtemperatur-Wärmepumpen (HT-WP). Diese Geräte schaffen 65 bis 75 Grad Vorlauf, allerdings mit niedrigerer Effizienz (JAZ 2,3 bis 2,8).
Hersteller wie Viessmann (Vitocal 252-A), Vaillant (aroTHERM plus), Daikin (Altherma 3 H HT) und Bosch (Compress 7800i) bieten Modelle an, die 70 Grad und mehr schaffen. Die Geräte kosten etwas mehr als Standard-WP (1.000 bis 2.000 Euro Aufpreis) und verbrauchen mehr Strom, aber sie machen den WP-Betrieb auch in komplett unsanierten Altbauten möglich.
Die bessere Strategie ist trotzdem: Erst die günstigsten Sanierungsmaßnahmen umsetzen (Fenster, Dachdämmung, Heizkörpertausch), dann eine Standard-WP einbauen. Das spart langfristig mehr als eine HT-WP im unsanierten Haus.
Hybridheizung als Zwischenlösung
Wer den Altbau nicht sofort sanieren kann oder will, kann eine Hybridheizung installieren: kleine Wärmepumpe plus bestehende Gasheizung. Die WP übernimmt die Heizung an milden Tagen (über 0 Grad, das sind 80 bis 90 Prozent der Heizperiode), die Gasheizung springt nur bei Minusgraden ein.
Das funktioniert im Altbau besonders gut, weil die WP an milden Tagen mit niedrigen Vorlauftemperaturen und hoher Effizienz läuft. Die Spitzenlast bei minus 10 Grad übernimmt der Gaskessel, der das ohnehin schon 20 Jahre lang gemacht hat.
Nachteil: Man spart Gas und CO2, aber nicht den Gasanschluss-Grundpreis. Und die GEG-65-Prozent-Regel verlangt, dass die WP mindestens 65 Prozent der Jahreswärme liefert, was bei einer Hybridlösung nachgewiesen werden muss.
Geht also auch ohne Fußbodenheizung
Fußbodenheizung ist nice to have, aber kein Muss. Die meisten Altbauten kommen mit 45 bis 55 Grad Vorlauf aus, wenn die Heizlast richtig berechnet und die kritischen Heizkörper getauscht werden. Die Wärmepumpe arbeitet dann mit einer JAZ von 3,0 bis 3,5, wirtschaftlich deutlich besser als Gas. Wer ein paar tausend Euro in Heizkörpertausch und Dämmung investiert, drückt die Vorlauftemperatur auf 40 bis 50 Grad und die JAZ auf 3,5 oder besser.







