Überschussladen heißt: Das E-Auto wird nur mit dem Strom geladen, den die PV-Anlage gerade überschüssig produziert. Scheint die Sonne kräftig und der Speicher ist voll, fließt der Überschuss in die Wallbox. Ziehen Wolken auf, reduziert die Wallbox ihre Leistung oder pausiert. Das Ergebnis: Das Auto wird mit quasi kostenlosem Solarstrom geladen statt mit 38 Cent Netzstrom. Klingt nach Zukunftsmusik, ist aber 2026 Standardtechnik, die jede halbwegs moderne Wallbox beherrscht.
Wie Überschussladen funktioniert
Das Prinzip ist simpel. Ein Energiemanagementsystem (HEMS) oder der Wechselrichter selbst misst in Echtzeit, wie viel Strom die PV-Anlage erzeugt und wie viel der Haushalt gerade verbraucht. Die Differenz ist der Überschuss. Dieser Überschuss wird an die Wallbox als Leistungsvorgabe übermittelt. Die Wallbox passt ihre Ladeleistung entsprechend an.
Beispiel: Die PV-Anlage erzeugt 6 kW, der Haushalt braucht 1,5 kW, der Speicher ist voll. Überschuss: 4,5 kW. Die Wallbox erhält das Signal, mit 4,5 kW zu laden. Zieht eine Wolke durch und die PV-Leistung sinkt auf 3 kW, beträgt der Überschuss nur noch 1,5 kW. Die Wallbox reduziert auf 1,5 kW oder pausiert, je nach Konfiguration und technischen Möglichkeiten.
Die Kommunikation zwischen Wallbox und PV-System läuft je nach Hersteller über verschiedene Wege: direkte Anbindung an den Wechselrichter (Fronius Wattpilot an Fronius GEN24), über ein HEMS (SMA Sunny Home Manager steuert kompatible Wallboxen), über ein Open-Source-System (evcc steuert über 50 Wallbox-Modelle) oder über Modbus, EEBus oder OCPP als Kommunikationsprotokoll.
Das Problem der Mindestladeleistung
Die wichtigste technische Einschränkung beim Überschussladen ist die Mindestladeleistung. Europäische Wallboxen laden in der Regel dreiphasig. Die minimale Stromstärke pro Phase beträgt 6 Ampere (Norm-Untergrenze). Bei dreiphasigem Laden ergibt das eine Mindestladeleistung von 4,14 kW (3 mal 6 Ampere mal 230 Volt).
Wenn der PV-Überschuss unter 4,14 kW liegt, also an bewölkten Tagen, am Morgen, am Abend oder wenn andere Verbraucher im Haus laufen, kann die Wallbox bei dreiphasigem Laden nicht starten. Der Überschuss fließt dann ins Netz statt ins Auto.
Die Lösung: Phasenumschaltung. Wallboxen mit dieser Funktion wechseln automatisch von drei Phasen auf eine Phase, wenn der Überschuss gering ist. Einphasig beträgt die Mindestladeleistung nur 1,38 kW (6 Ampere mal 230 Volt). Damit kann man auch bei 1,5 kW Überschuss noch laden. Bei steigendem Überschuss schaltet die Wallbox zurück auf drei Phasen.
Welche Wallboxen Phasenumschaltung können: Fronius Wattpilot (alle Varianten), go-e Charger Gemini (flex), openWB (mit externer Schützbox), Easee Home (per Software-Update). Nicht alle Wallboxen beherrschen Phasenumschaltung von Haus aus, bei manchen muss ein externes Relais (Schützbox) nachgerüstet werden.
Wallbox-Auswahl für Überschussladen
Fronius Wattpilot: Die nahtloseste Lösung im Fronius-Ökosystem. Der Wattpilot kommuniziert direkt mit dem Fronius GEN24 Plus Wechselrichter, ohne zusätzliches HEMS. Phasenumschaltung integriert. Drei Varianten: Go (mobil), Home (fest), Flex (11 oder 22 kW). Preis: ab 800 Euro.
go-e Charger Gemini flex: Günstiger Einstieg, Phasenumschaltung serienmäßig, kompatibel mit vielen HEMS-Systemen und mit evcc. Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Preis: ab 700 Euro.
openWB: Open-Source-Wallbox mit eingebautem Energiemanagement. Steuert Überschussladen ohne zusätzliches HEMS, weil die Steuerlogik direkt in der Wallbox sitzt. Sehr flexibel, aber die Konfiguration erfordert etwas technisches Verständnis. Preis: ab 900 Euro.
KEBA KeContact P30: Solider Industriestandard, gute API für die Einbindung in externe Steuerungen. Phasenumschaltung über externe Lösung (evcc oder HEMS). Preis: ab 900 Euro.
SMA EV Charger: Optimal im SMA-Ökosystem. Der Sunny Home Manager steuert die Ladung nach PV-Überschuss. Teurerer als die Konkurrenz, aber perfekt integriert, wenn man SMA-Wechselrichter und SMA-Speicher hat. Preis: ab 1.200 Euro.
evcc: Die universelle Lösung
evcc (energy vehicle charge controller) ist ein Open-Source-Projekt, das auf einem Raspberry Pi oder einem kleinen Server läuft. Es liest den PV-Überschuss vom Wechselrichter oder Smart Meter und steuert die Wallbox entsprechend. Das Besondere: evcc unterstützt über 50 verschiedene Wallbox-Modelle und die meisten gängigen Wechselrichter, unabhängig vom Hersteller.
Man kann also einen Fronius-Wechselrichter mit einer go-e-Wallbox und einem BYD-Speicher kombinieren, und evcc bringt alles zusammen. Ohne evcc müsste man sich auf ein einziges Ökosystem beschränken oder ein teures HEMS kaufen.
Die Einrichtung erfordert eine Konfigurationsdatei (YAML), ein Netzwerk (die Geräte müssen im selben WLAN sein) und etwas Zeit. Die Dokumentation auf evcc.io ist gut, und die Community im Forum hilft bei Problemen. Kosten: Der Raspberry Pi kostet 50 bis 80 Euro, die Software ist kostenlos.
Wie viel man mit Überschussladen spart
Ein E-Auto verbraucht bei 15.000 Kilometern Jahresfahrleistung rund 2.500 kWh Strom. Wenn davon 60 Prozent über PV-Überschuss geladen werden (realistisch bei Homeoffice-Tagen und Wochenenden), sind das 1.500 kWh Solarladung pro Jahr.
Ersparnis gegenüber Netzladung: 1.500 kWh mal 0,38 Euro gleich 570 Euro pro Jahr. Ersparnis gegenüber öffentlicher Ladesäule (50 Cent pro kWh): 1.500 mal 0,50 gleich 750 Euro pro Jahr.
Wenn der restliche Strom (1.000 kWh) vom Netz kommt (nachts, im Winter, auf Reisen), kostet das 380 Euro. Gesamtstromkosten fürs E-Auto mit PV-Überschussladen: 380 Euro statt 950 Euro (komplett Netz) oder 1.250 Euro (komplett Ladesäule).
Die Wallbox-Investition von 700 bis 1.500 Euro amortisiert sich damit in 1 bis 3 Jahren allein durch die Ladekosten-Ersparnis.
Laden mit Mindestleistung vs. reines Überschussladen
Die meisten PV-fähigen Wallboxen bieten verschiedene Lademodi:
Reines Überschussladen (PV-Modus): Es wird nur geladen, wenn PV-Überschuss vorhanden ist. Null Netzstrom. Dafür kann es sein, dass das Auto an einem bewölkten Tag nicht vollgeladen wird.
Mindestladen mit PV-Boost (Min+PV-Modus): Es wird immer mindestens mit einer bestimmten Leistung geladen (z.B. 1,38 kW einphasig), egal ob Überschuss da ist oder nicht. Wenn PV-Überschuss verfügbar ist, wird die Ladeleistung erhöht. So wird das Auto auf jeden Fall geladen, und bei Sonne kommt noch Bonus-Überschuss dazu.
Schnellladen ohne PV (Max-Modus): Volle Ladeleistung, egal woher der Strom kommt. Für Situationen, in denen das Auto schnell voll sein muss.
Zwischen den Modi kann man jederzeit wechseln, per App oder per Timer. Wer morgens zur Arbeit muss und das Auto über Nacht nicht vollgeladen hat, schaltet auf Max. Wer am Wochenende Zeit hat, lässt den PV-Modus arbeiten.
Was man bei der Installation beachten sollte
Die Wallbox braucht einen eigenen Stromkreis vom Zählerkasten. Dreiphasig, 16 Ampere oder 32 Ampere (je nach Wallbox und gewünschter Ladeleistung). Das muss ein Elektriker installieren, Kosten: 300 bis 1.000 Euro, je nach Kabellänge vom Zählerkasten zur Wallbox.
Seit dem 1. Januar 2024 müssen neue Wallboxen mit mehr als 4,2 kW als steuerbare Verbrauchseinrichtung nach §14a EnWG beim Netzbetreiber angemeldet werden. Im Gegenzug gibt es eine Netzentgelt-Reduzierung von 100 bis 200 Euro pro Jahr.
Der Standort der Wallbox sollte nah am Parkplatz des E-Autos sein, idealerweise in der Garage oder unter einem Carport. Outdoor-Installation ist möglich (die meisten Wallboxen sind wetterfest, IP54 oder IP65), aber ein geschützter Standort verlängert die Lebensdauer der Elektronik.
Überschussladen vs. Speicher: Konkurrenz um den Überschuss
PV-Überschuss kann nur einmal genutzt werden. Entweder er fließt in den Speicher oder in die Wallbox. Ein HEMS regelt die Priorisierung: Typischerweise hat der Haushaltsstrom Vorrang, dann der Speicher, dann die Wallbox. Erst wenn der Speicher voll ist, fließt der restliche Überschuss ins Auto.
An sonnigen Sommertagen reicht der Überschuss meistens für beides. An bewölkten Tagen oder in der Übergangszeit muss man priorisieren. Die Frage ist dann: Ist es wichtiger, den Speicher für den Abend zu füllen (und Netzstrom zu vermeiden) oder das Auto zu laden (und Netzstrom an der Ladesäule zu vermeiden)?
Die meisten Systeme priorisieren den Speicher, weil der Netzbezug am Abend teurer ist als ein paar kWh weniger Autoladung. Aber die Priorisierung lässt sich anpassen, je nachdem was für den eigenen Alltag sinnvoller ist.







