Wirtschaft als Rückgrat der Verteidigung
Die Landesverteidigung ist längst nicht mehr allein eine Aufgabe der Bundeswehr. Spätestens seit den jüngsten geopolitischen Entwicklungen zeigt sich: Ohne eine leistungsfähige, widerstandsfähige Wirtschaft kann auch die militärische Verteidigung nicht funktionieren. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat nun eine umfassende Positionsschrift vorgelegt, die verdeutlicht, wie eng die Rolle der Betriebe, der Industrie- und Handelskammern (IHKs) sowie der Sicherheitsbehörden miteinander verzahnt ist.
Verantwortung der Unternehmen wächst
„Die Wirtschaft ist sich ihrer Bedeutung und Verantwortung für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands bewusst“, betont DIHK-Präsident Peter Adrian. Unternehmen müssten darauf vorbereitet sein, den Betrieb aufrechtzuerhalten – auch dann, wenn Lieferketten ins Stocken geraten oder ein Teil der Belegschaft nicht zur Verfügung steht. Nur so lasse sich sicherstellen, dass im Krisenfall sowohl die Bevölkerung als auch die Streitkräfte mit wichtigen Gütern und Dienstleistungen versorgt werden können. Die IHK-Organisation versteht sich dabei als zentrale Klammer, die Resilienz fördert und den Dialog mit Politik, Bundeswehr und Zivilschutz sicherstellt.
Breites Spektrum an betroffenen Branchen
Die von der DIHK aufgezeigte Dimension der Gesamtverteidigung reicht weit über die unmittelbare Rüstungsindustrie hinaus. Vom Mittelständler, der kritische Vorprodukte liefert, über Banken und Energieversorger bis hin zu IT-Sicherheitsfirmen und Logistikdienstleistern – fast alle Bereiche der Wirtschaft sind betroffen. Auch die Gesundheitsbranche und das Transportwesen tragen im Ernstfall entscheidend zur Stabilität bei. Damit rückt auch die operative zivil-militärische Zusammenarbeit in den Regionen in den Vordergrund, bei der die IHKs als Schnittstelle eine Schlüsselrolle einnehmen.
Fachkräftemangel als Achillesferse
Eine der größten Herausforderungen bleibt der Personalmangel. Ob Wehrdienst, Reservetätigkeit oder Mitarbeit in Hilfsorganisationen: Für Unternehmen bedeutet jede Freistellung eine zusätzliche Belastung. Die DIHK warnt daher, Wehrdienst und Berufsausbildung nicht isoliert voneinander zu betrachten. Nur wenn es gelingt, militärische Erfordernisse und die Bedarfe des Arbeitsmarktes in Einklang zu bringen, bleibt die Wirtschaft auch in Krisenzeiten handlungsfähig. Angesichts der Debatte um eine mögliche Rückkehr zur Wehrpflicht fordert die Wirtschaft frühzeitige Einbindung in politische Entscheidungsprozesse.
Rahmenbedingungen und Infrastruktur entscheidend
Neben Personalfragen verweist die DIHK auf die Notwendigkeit verbesserter Rahmenbedingungen. Eine moderne, leistungsfähige Infrastruktur – von Brücken und Häfen bis zu Energienetzen und digitalen Netzen – sei Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesamtverteidigung. Auch eine Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren müsse höchste Priorität haben, damit Deutschland im Ernstfall als europäische Drehscheibe für militärische Transporte und Warenströme bereitsteht. Zudem seien widerstandsfähigere Lieferketten und ein höheres Cybersicherheitsniveau auf EU-Ebene erforderlich.
Perspektiven für die Verteidigungsindustrie
Besonders im Fokus steht die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie selbst, die nicht nur auf stabile Absatzmärkte angewiesen ist, sondern auch auf vereinfachte Forschungskooperationen und transparente Ausschreibungsverfahren. Hier können gerade kleine und mittelständische Betriebe sowie Start-ups innovative Lösungen einbringen – vorausgesetzt, sie erhalten einen fairen Zugang. Auch die Auslandshandelskammern (AHKs) leisten dabei einen wichtigen Beitrag, indem sie internationale Märkte erschließen und Unternehmen bei der Bewertung geopolitischer Risiken unterstützen.
Fazit: Gesamtverteidigung ist Gemeinschaftsaufgabe
Die neue DIHK-Position macht deutlich: Die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands hängt in erheblichem Maße von der Wirtschaft ab. Nur wenn Politik, Unternehmen, Kammern, Bundeswehr und Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen, lassen sich Sicherheit und Resilienz nachhaltig stärken. Damit gilt im Ernstfall wie im Alltag: Eine starke Wirtschaft ist das Fundament einer starken Verteidigung.








